Gedanken zu… Stille

Gedanken zu Stille
Der Pianist David Tudor betritt die Bühne, auf der ein Klavier steht. Er schießt den offen stehenden Klavierdeckel und die Zuschauer hören den Klang des sanften Aufpralls. Es folgen 33 Sekunden Stille, bevor Tudor den Klavierdeckel weitere zwei Mal öffnet und schließt. Mehr geschieht nicht in John Cages Musikstück 4’33 (Four minutes, thirty-three seconds) das 1952 in Woodstock uraufgeführt wurde und in die Geschichte der Musik einging. In dem Stück wurde keine einzige Note gespielt. Nur der Rhythmus des Klavierdeckels unterbrach die aufkommende Stille, wie der Gong einer Meditation.

Kontraste lassen uns feinfühliger werden. Ich erinnere mich noch, wie ich vor einem Jahr durch das brodelnde Delhi spazierte und wie sehr mir danach die Stille des abgelegenen Himalayas den Atem raubte. Wenn wir aus der Großstadt in die Natur hinaus fahren, bewundern wir die Ruhe, die wir vorfinden. Kehren wir zurück, erschrickt uns das permanente, untergründige Rauschen der Stadt.

Wozu Stille? Der Klang in John Cages Musikstück warf die Zuschauer auf die Stille im Konzertsaal zurück. Sie lauschten in das Nichts hinein und hörten: Geräusche. Geräusche im Zuschauerraum und Geräusche in sich selbst. Was die Zuschauer von John Cages Musikstück erfahren sollten, und auch ich in den Bergen Nordindiens erlebte, war die eigene Innenwelt. John Cage betrat einmal einen schalldichten Raum und bemerkte, dass er trotzdem Geräusche hörte. Es war sein eigener Blutkreislauf und sein Nervensystem, wurde ihm klar. Stille ist nicht geräuschlos. Es gibt keine absolute Stille, so John Cage. Wird es um uns herum leiser, bemerken wir die Laute im Innern. Wir hören das Blut rauschen und den Puls pochen.

Stille ist also höchst lebendig. Wir bemerken, was in uns schlummert und gehört werden will. Freunde, Trauer, Wut oder Angst…Tauchen wir in Stille ein, kommen Prozesse in uns in Bewegung und können verarbeitet werden. Langsam – nach jedem lärmenden Öffnen und Schließen des Klavierdeckels – stellt sich eine tiefere Stille ein, in der wir zur Ruhe kommen  und Frieden schließen können, mit dem, was wir vorfinden.

Manchmal scheint es mir in meinem Alltag unmöglich, Momente von Stille zu finden. Doch John Cage macht vor, dass es nicht viel braucht, um Stille zu erleben. Er schafft sich einen zeitlich begrenzten Rahmen und reduziert das was geschieht, auf ein einziges Ereignis: den Kontrast von Klang und Stille. Erst durch den Aufprall des Klavierdeckels, nahmen die Zuschauer die Stille überhaupt als Solches wahr und begannen, sich mit ihr zu beschäftigen.

Vielleicht können wir den Trubel in unserem Leben dazu nutzen, um Zeiten des Ausruhens und Pausierens bewusster wahrzunehmen und zu genießen. Anstrengende und aufregende Zeiten gehören zum Leben dazu. Aber vielleicht hilft es, nach einem lauthals schreienden Tag ohne viel Ablenkung ins Bett zu gehen und ganz leise zu werden. Keine Musik, keine Videos, kein Internet, kein Buch. Nur der Nachklang des Tages im Inneren.

Wenn wir lernen, nach herausfordernden Situationen innezuhalten, können wir Stille üben. So auch in der Yogapraxis. Üben wir kraftvoll, mit all unserer Muskelkraft, können wir danach besser loslassen und nachspüren. Erst wird es laut, dann leise. Nach dynamischen Schüttel- und Atemübungen hören wir selbst sekundenlang unseren Herzschlag. Wir nehmen wahr, wie sich der Puls wieder beruhigt und wir werden mehr und mehr in die Stille unseres inneren Raumes hineingezogen. So können wir auf einfache Art und Weise unsere Yogapraxis immer wieder nachklingen lassen und bemerken die (lebendige) Stille, die uns innewohnt, viel deutlicher.

 

 

4 Gedanken zu “Gedanken zu… Stille

  1. Danke für den wunderschönen Artikel! Echt cool, dieser John Cage – einfach mal das Publikum verblüffen, indem die Erwartungen an einen Konzertabend gecrasht werden… Gefällt mir.

    Ich kenne die Stille, die sich langsam einstellt, vom automatischen Schreiben. Wenn ich losschreibe, muss meine Hand meinen schnellen Gedanken hinterherhetzen. Je länger ich schreibe (das dauert aber manchmal zehn, zwanzig Minuten), desto ruhiger werden meine Gedanken. Und ich schaue meiner Hand beim Schreiben zu. Ein echt geniales Gefühl!

  2. Ja ich mag die Arbeiten von John Cage auch sehr. Stille und Geräusche werden plötzlich zu Musik. Das war damals erstmal ein Skandal!

    Die Stille, die sich beim Schreiben einstellt, ist auch ein gutes Beispiel, danke für die Anregung!

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