Lasst uns mehr Schwäche zeigen!

Lisa Shavasana

At some point I realized that no amount of yoga practice or perfection in yoga practice will shield me from suffering. Suffering will happen. My body will change, people will come and go. The only solution is to expand the container – to make myself bigger than my suffering. (Katchie Ananda) [1]

Wir kennen sie alle, die unzähligen Bilder überflexibler Frauen in den tiefsten Yogaposen. Menschen, die unerschütterlich glücklich und gesund wirken, schmücken die Titelblätter der Yogazeitschriften. Wir schlagen Fachbücher auf und sehen indische Meister in den wildesten Verrenkungen. Zu Weilen entsteht der Eindruck, im Yoga gehe es vor allem um die perfekte Körperbeherrschung.

Yoga als Leistungssport

Tatsächlich ist Yoga für viele Menschen zum Leistungssport geworden. „Falscher Ehrgeiz“ sei einer der Hauptgründe für Verletzungen im Yoga, wie eine amerikanische Studie unter Yogalehrern, Therapeuten und Medizinern ergab.[2] Übertriebener Perfektionismus und der Druck, Höchstleistungen zu erbringen, sind längst im Yoga angekommen. Kein Wunder, denn diese Werte sind fest in unserer Kultur verankert. Wir wollen funktionieren, gut sein und besser werden. Komme was wolle, um jeden Preis. Doch wir sind menschliche Wesen! Wir können nicht ununterbrochen auf Hochtouren laufen und über unsere Grenzen hinweg gehen. Wir befinden uns in ständigem Wandel. Ayurveda lehrt uns: jede Konstitution, jede Lebensphase, jeder Tag, ja selbst jede Tageszeit ist anders. Unser Körper changiert ständig zwischen vollem Antrieb (Rajas), Langsamkeit (Tamas) und Balance (Sattva). Jeder dieser Zustände hat seine Zeit und seinen Sinn! Begreifen wir Yoga allerdings als eine immer gleiche Leistung, entsteht zwangsweise das Gefühl zu versagen, sobald wir in einer Phase sind, in der wir nicht alles geben können.

Die eigenen Erwartungen sind oft am höchsten

Vor zwei Jahren zog ich mir eine Verletzung im Hüftgelenk zu und befand mich plötzlich in genau dieser Situation: ich konnte nicht mehr alles geben. Am Anfang kam ich kaum aus meinem eigenen Leistungsdruck raus, so tief saßen die Erwartungen, die ich als Yogini und angehende Yogalehrerin an mich selbst stellte: „Ich muss jeden Tag auf meiner Yogamatte stehen, erst recht als Lehrerin. Ich will auch die schwierigsten Übungen vormachen können. Ich kann es mir nicht erlauben, auszusetzen…“

So tun als wäre alles gut?

Zu Beginn übte ich einfach weiter. Ich ging wie gewohnt in Level 3 Klassen und war frustriert, da ich immer früher aus den Haltungen aussteigen musste. Manchmal brach ich in Tränen der Verzweiflung aus, so auch in einem Workshop mit Katchie Ananda. Sie fing meine Trauer mit schlichten, aber weisen Worten auf.

„Wer sagt, dass wir im Yoga immer 100% geben müssen? Pass’ deine Praxis deiner Energie an. Wenn Du nur 20% hast, dann gib volle 20, ohne dich dabei schlecht zu fühlen.“

Katchie strahlte heiter. Sie war meine Erlösung. Neben den Körper zentrierten Stilen Anusara, Jivamukti, Integral und Ashtanga Yoga studierte die Yoga und Dharma Lehrerin mit Jack Kornfield den Weg des Buddhismus. Das Ausbrechen aus dem Leiden ist höchstes Ziel im Buddhismus. [3] Gleichzeitig ist sie in der tantrischen Yogaphilosophie zu Hause, die besagt, dass alle Seiten zum Leben dazugehören, auch die Dunklen und Schwachen. Negative Emotionen können als Antrieb dienen, unser Leben zum Positiven zu verändern, so die non-dualistische Philosophie. Vielleicht war es die ungewöhnliche Mischungen beider Einflüsse – jedenfalls scheute Katchie sich nicht davor, mich an meine körperlichen Grenzen zu bringen und gleichzeitig Schmerz zum Thema der Stunde zu machen! Das unterstütze und motivierte mich sehr.

Schwäche kann uns stark machen

So übte ich monatelang volle 10%. Ich ging auf meine Yogamatte und praktizierte keine glanzvollen Posen, sondern Cat-Cow und Legs up to the Wall. Zuerst linderte ich damit einfach nur meine Schmerzen. Mit der Zeit stieg meine Energie und ich begann, verschiedene Asanas auf meine Beschwerden zuzuschneiden. Einige Haltungen vermied ich allerdings gänzlich. Denn durch das bewusste Hinspüren merkte ich, dass alle Auswärtsrotationen in Vorbeugen für die Stellung meines Oberschenkelknochens im Hüftgelenk einfach nicht möglich waren. So sparte ich etwa die Taube über ein Jahr aus. Ausfallschritt war dafür machbar und wurde zu meiner größten Herausforderung! Ich wärmte Quadrizepz und Hamstrings länger auf als sonst und übte dynamische Schüttelübungen aus dem klassischen Hatha Yoga. Dann erforschte ich, wie ich durch mehr innere Spirale den Ausfallschritt schmerzfrei hinbekam. Es half den inneren Oberschenkel nach hinten zu schieben, um freier in der Leiste zu sein, anstatt alle Kraft aus der Beckenaufrichtung zu holen. Durch mein Experimentieren verstand ich mehr über meinen Körper, als je zuvor. Meine neue Home Practice ließ mich stark, anstatt schwach fühlen. So ging ich eines Tages wieder ins Yogastudio und übte voller Selbstverständnis meine ganz eigene Praxis, während neben mir meine Schüler die aufregendsten Posten meisterten.

Plädoyer

Heute, nach zwei Jahren, schaue ich zurück. Es war kein leichter Weg, aber ich habe Kostbares gelernt. Schwächen können uns stärker machen, wenn wir uns trauen hin zu spüren, anstatt weg zu spüren. Wenn wir sie akzeptieren und zu ihnen stehen. Wenn wir ehrlich und aufrichtig anfangen, mit ihnen umzugehen. Yogis und Yogalehrer, lasst uns beginnen, mehr Geschichten von Schwäche zu erzählen, ohne Schwarz zu malen. Und lasst uns mehr Worte finden, die vom Leben schwärmen, ohne es schön zu reden!

[1] http://www.yogitimes.com/review/katchie-ananda-yoga-teacher-san-francisco-berkeley

[2] http://www.sciatica.org/downloads/fishmanarticle_analysis.pdf

[3] http://www.katchieananda.com/About-Katchie-Ananda.aspx

4 Gedanken zu “Lasst uns mehr Schwäche zeigen!

  1. „So übte ich monatelang volle 10%“ – Ich habe volle 10 (zehn!) Prozent gegeben – das ist ein starker Satz. Dazu gehört Mut, Humor und Selbstbewußtsein. Danke, liebe Lisa, dass Du uns so an dieser Verwandlung teilhaben läßt! Uns ermutigst, hinzuspüren und den eigenen Anspruch und den anderer hintenan zu stellen… Diese Empfehlung gilt nicht nur für Yoga, sondern auch für das Schreiben… Beste Grüße, Susanne

    1. Liebe Susanne, danke für deine Worte! Ja, ich glaube diese Empfehlung gilt für Yoga, Schreiben und Leben. Mehr als das Beste geben – das, was wir gerade haben – geht einfach nicht, sonst brennen wir aus. Und ‚das Beste‘ bedeutet bei jedem etwas anderes! Liebe Grüße, Lisa

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