Traum-Yoga. Eine Reise in die Welt des Unbekannten

Traumyoga 2

Zum ersten Mal erfuhr ich über Traum-Yoga auf viertausend Metern Höhe im nordindischen Himalaya. Wir waren gerade dabei, ins Tal hinabzusteigen. Der Pfad ist steinig, uns beißt heiße Sonne und streift kalter Wind. Die bunten Gebetsflaggen am Wegesrand flattern. Nawang geht strammen Schrittes voran. Unser einheimischer Freund in roter Robe ist tibetisch-buddhistischer Mönch und die Schwindel erregende Höhe gewöhnt. Langsam kommen wir in jener abgelegenen Einsiedelei an, in der er sechs Jahre in Stille verbrachte.

Tibetischer Buddhismus – Träumen im Himalaya

Er führte uns an einen magischen Ort der vollkommenen Einfachheit, im Nirgendwo einer unendlichen Gebirgslandschaft, den Sternen nah. Wir übernachteten in einem kleinen Zimmer unter schweren Wolldecken. In der Nacht hatte ich einen Traum, der sich realer als alle anderen Träume anfühlte, die ich je zuvor hatte. Es war einer dieser Alpträume, die mich schon mein Leben lang verfolgten. Während unseres Abstieges berichtete ich Nawang von meinem nächtlichen Erlebnis. Inständig hoffte ich, er habe weise Worte für mich bereit. Stille. Nur das Flattern der Gebetsflaggen war im Wind zu hören. „Du musst Traum Yoga lernen“, sagte er.

Luzides Träumen – Wissenschaft und Kunst

Zurück in Berlin erinnerte ich mich an die spärlichen Worte meines ladakhischen Freundes und begann mich auf die Suche zu machen. Ich entdeckte ein Buch über luzides Träumen. „Luzides Träumen ist seit Jahrhunderten bekannt, galt bis vor Kurzem aber als seltenes und kaum erkundetes Phänomen“, schreibt der Autor Stephen LaBerge.[1] Die Wissenschaft des luziden Träumens gehe auf das tibetische Traum-Yoga aus dem 8. Jahrhundert zurück, das von Padmasambhava mit dem Buddhismus nach Tibet gebracht wurde.[2] Mein Herz schlug schneller, als wäre ich wieder in den Bergen. Ich hatte gefunden, was ich suchte. Ich betrat die Tür zu einer neuen Welt, die bis dahin vollkommen im Dunkeln lag. Vor mir lag eine neue Reise. Sie würde mich nicht in den Himalaya führen, aber an einen ebenso unbekannten, fernen Ort.

Wie sind unsere Träume beschaffen?

Unser Gehirn funktioniert, indem es die reale Welt nachbildet. Die Informationen für dieses Abbild erhält es über unsere Sinnesorgane. Im Schlaf ruht unser Körper und diese Verbindung ist unterbrochen. Das Gehirn greift auf das zurück, was bereits in unserem Kopf existiert: Erinnerungen, Wünsche, Erwartungen, Ängste usw. „Ich glaube, dass Träumen das Ergebnis der Versuche des Gehirns sind, aus diesen internen Informationen ein Modell der äußeren Welt zu erstellen“ so LaBerge.[3] Im Schlaf simulieren wir also die Welt, in der wir leben.

Die Entdeckung des Schlafs

Wir verbringen ein Drittel unserer Lebenszeit schlafend. Luzides Träumen bedeutet, auch in dieser Zeit bewusst (luzid) zu sein. Dafür müssen wir erst einmal merken, dass wir gerade träumen. Sind wir im Traum „wach“, können wir auf Wunsch unsere Träume beeinflussen und Erfahrungen machen, die uns im Wachzustand unmöglich erscheinen. Kreative Problemlösung, Verbesserung des Selbstvertrauens und Heilung von Alpträumen sind Ziele des luziden Träumens – denn im Traum ist alles möglich.

Realität und Traum

Woher wissen wir eigentlich genau, ob wir schlafen oder wachen? Wieso sind wir uns so sicher, was real ist und was traumhaft, inkonsistent, raum- und zeitlos? „Träume ich gerade?“ Diese Frage gilt es sich ernsthaft zu stellen. Denn wenn wir sie uns tagsüber nicht stellen, wie sollen wir uns dann im Schlaf daran erinnern, einen Realitätscheck zu machen? Luzides Träumen beschäftigt sich nicht nur mit unserer Aufmerksamkeit in der Nacht, sondern es ist auch ein Bewusstseinstraining für den Tag.

Erste Schritte

Schritt für Schritt folgte ich den Übungen des Buches. Geduldig und allein. Keine Höhle, kein Kloster, aber inmitten meines Alltags. Ich begann meine Träume zu erforschen. Pro Nacht wachen wir zwischen 10-15 Mal zwischen den aktiven REM Phasen (Rapid Eye Movement) auf, ohne es am nächsten Morgen zu wissen.[4] Ich lernte, Traumtagebuch zu führen, um mich täglich an meine Träume zu erinnern. Das unmittelbare Schreiben nach dem Aufwachen verriet mir, welche persönlichen Traum-Zeichen ich besaß. Mir fiel auf, dass ich mich ständig in Treppenhäusern verlief und immer nur das Badezimmer wieder fand. Traum-Zeichen sind Indizien dafür, dass wir gerade träumen. Kennen wir unsere ganz individuellen Anzeichen, funktionieren sie als Warnzeichen: „Du träumst gerade!“

Fliegen

Eines Nachts hatte ich meinen ersten luziden Traum. Zum Test sprang ich in die Luft und voller Euphorie spürte ich, dass die Schwerkraft nicht wirkte. Ich begann durch die Baumwipfel zu fliegen und konnte die ganze Straße unter mir überblicken. Das satte Grün der Äste streifte mein Gesicht, es roch wunderbar. Noch nie habe ich so intensiv empfunden, weder im Traum noch in der Realität. Fliegen, so las ich später, sei die archetypischste Reaktion, die es in luziden Träumen gebe. Die Nacht verwandelte sich in unendliche Freiheit, die tagelang in meinem Inneren nachklang.

Wind – Die Energie unserer Träume

So plötzlich, wie der Traum gekommen war, verschwand er auch wieder. Aber mit der Zeit passierte noch etwas anderes. Ich begann zu sehen, dass in meiner Traumwelt immer wieder das Selbe geschah. Nacht für Nacht entdeckte ich die gleichen Muster. Die Traum-Szenen und Figuren änderten sich, aber das Grundgefühl blieb. „Wind“ bezeichnet Tenzin Wangyal Rinpoche diese Energie (Prana), die unsere Träume durchzieht – meist Jahrzehntelang, da wir ihr keine Beachtung schenken. Der Autor des Buches „Übungen der Nacht. Tibetische Meditationen in Schlaf und Traum“[5] ist einer der wenigen Lamas, die im Westen Traum-Yoga lehren und das alte Wissen Preis geben. Wir seien sehr fokussiert auf das Analysieren unserer Träume. Stattdessen gehe es im Traum-Yoga darum, die Verbindung zwischen dem Traum und unserem realen Leben ins Bewusstsein zu rufen. Meditation, Pranayama und Visualisierungen können die Qualität unserer Träume transformieren und damit auch unser Leben verbessern und heilen.[6]

Wirkung – Bewusstheit und Gelassenheit

Nach den ersten Wochen des Praktizierens und Trainierens kehrten sich die Muster meiner Träume um. Wenn auch nicht vollkommen luzide, aber immer häufiger schaute ich meinem Gegenüber ins Gesicht, setzte mich zur Wehr und war in der Lage, einfach die Szenerie zu verlassen, anstatt nicht mehr aus ihr rauszukommen. Mein alt bekanntes schweißgebadetes Aufschrecken wich einem Anflug von guter Laune und Stärke am nächsten Morgen.

Ankommen

Wir reisen an ferne Orte, um uns selbst zu finden. Was wir suchen, liegt oft so nah. Was im Himalaya begann, war keine Reise ins Unbekannte, sondern ein Zurückkehren: Die Entdeckung meiner eigenen Träume. Die Fähigkeit, meine Augen zu schließen und die Geschichten meines Schlafes zu erhören. Oft denke ich an die bunten Gebetsflaggen am Wegesrand zurück und höre Nawangs helle Stimme in meinen Ohren klingen. „Lisa, Du musst Traum-Yoga lernen“. Zu gerne würde ich ihm antworten: „Ich bin dabei.“

Eine ausführlichere Version dieses Artikels findest Du in: Yoga Aktuell, Heft Nr. 93, August/September 2015.

[1] LaBerge, Stephen; Rheinhold, Howord (2014): Träume was Du träumen willst. Die Kunst des luziden Träumens, München: mvg Verlag. S.15.

[2] a.a.O., S. 75

[3] a.a.O., S.128

[4] a.a.O., S.33

[5] Wangyal, Tenzin (2008): Übungen der Nacht. Tibetische Meditationen in Schlaf und Traum, München: Goldmann Verlag.

[6] Dream Yoga Teaching by Tenzin Wangyal: https://www.youtube.com/watch?v=Rp0gziBevyE

3 Gedanken zu “Traum-Yoga. Eine Reise in die Welt des Unbekannten

  1. Ich habe deinen Beitrag mit Interesse gelesen und habe mich mit hierdurch diesem Thema letztens auch wieder einmal befasst, nachdem ich im Alter von etwa 16 Jahren für ein Jahr lang meine ersten Erfahrungen im luziden träumen gemacht habe – seitdem jedoch nicht mehr.

    Die ersten Schritte machte ich auch und habe schöne Erinnerungen an die Erfahrungen, meinen Träumen „Raum abzugewinnen“, mich dorthin quasi mit Bewusstsein einzuschleichen. Durch Zufall bin ich hierauf gestoßen und machte nach wenigen Tagen erste Fortschritte.

    Die Idee, Meditation, pranayama und Visualisierungen anzuwenden, überzeugen mich.

    Die universelle Philosophie des vedanta hilft mit dabei, das Wissen der drei Welten anzuwenden.

    Ich werde mir mal deine weiterführenden Links anschauen.

    Liebe Grüße
    Patrick

  2. Hi Patrick,

    Vielen Menschen geht es wohl so, dass sie spontan und schnell ihren ersten luziden Traum haben, wenn sie von dem Thema hören. Bei mir hat es ein bisschen gedauert, aber es war ähnlich.

    Tatsächlich gibt es eine Technik von Stephen LaBerge, der Pionier auf dem Gebiet ist, wie man auf Wunsch jederzeit Klarträume haben kann. Das fordert aber viel Geduld und Übung!

    Ich finde nicht nur die Träume spannend, sondern auch wie Gedächtnis, Wahrnehmung, Unterbewusstsein und Bewusstsein generell funktionieren. Meditation passt da sehr gut, finde ich auch. Und an der Stelle wird es spannend – wenn sich die alte Tradition mit der modernen Wissenschaft trifft.

    Meditationen und Visualisierungen findest Du auf jeden Fall in beiden Büchern und über den Link…

    Liebe Grüße zurück und berichte mir gerne mehr über die drei Welten aus Sicht des Vedanta!

    Lisa

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