Über ästhetische Erfahrungen in Kunst und Yoga

Elena Brower vor Pipilotti Rist’s „Pour Your Body Out (7354 cubic meters)“ im Museum of Modern Art, New York, 2009. Videostill, Michael Rothman
Elena Brower vor Pipilotti Rist’s „Pour Your Body Out (7354 cubic meters)“ im Museum of Modern Art, New York, 2009. Videostill, Michael Rothman

Immer häufiger nehmen Yogaklassen in Ausstellungsräumen Einzug. Die New Yorker Yogalehrerin Elena Brower, Gründerin von Virayoga, unterrichtete 2009 in den Hallen des Museum of Modern Art und ließ sich vor Pipilotti Rist’s Videoarbeit „Pour Your Body Out (7354 cubic meters)“ filmen, wie sie anmutig von Asana zu Asana schwebte.[1] Sharon Gannon und David Life gründeten in den 1980er Jahren Jivamukti Yoga und erklärten Yoga zu einer Kunstform.[2] Ihr dynamisch-musikalischer Stil prägt die internationale Yogaszene bis heute. Im Hamburger Y8-Studio werden Ausstellungs- und Yogapraxis als voneinander unabhängige und in sich geschlossene Systeme gegenübergestellt. Das Yogi- und Künstlerpaar Benita-Immanuel Grosser lehrt traditionelles Sivananda Yoga in raumgreifenden Installationen renommierter Konzeptkünstler wie Katharina Grosse, Carl Andre oder Lawrence Weiner.[3]

Haben Yoga und Kunst etwas gemeinsam oder berühren sich ihre Weltanschauungen und Schauplätze nur an der Oberfläche? Ohne Zweifel sind Yoga und Kunst zwei vollkommen unterschiedliche Disziplinen mit ihren ganz eigenen Regeln und Funktionen – und sollten dies auch immer bleiben. Doch es gibt Momente im Erleben beider Bereiche, in denen etwas Ähnliches passiert. In der Yogapraxis als auch in der Kunstrezeption geschieht ein Perspektivwechsel: Ich sehe die Dinge bewusster als zuvor und mit anderen Augen. Ich gewinne eine neue Sichtweise auf mich und die Welt. Ich mache eine Erfahrung, die nicht nur eine von Vielen bleibt und wirkungslos an mir vorüber zieht, sondern mich persönlich (be)trifft und ergreift.

James Turrell – „The Wolfsburg Project“ (2010). Ich befinde mich am Eingang eines riesigen Raumes im Kunstmuseum Wolfsburg und trete vorsichtig die steile Rampe in die Installation des amerikanischen Lichtkünstlers hinunter. Während ich Schritt für Schritt gehe, bemerke ich, dass sich die Lichtverhältnisse innerhalb des Raumes verändern. Unten angekommen stehe ich vor einer Wand. Davor ist eine Markierung auf dem Boden angebracht und ich frage mich, wieso ich nicht zu nah an sie herantreten darf. Ich gehe vor und zurück, nehme Abstand. Sichtlich irritiert starre ich lange gegen diese Wand. Es braucht mehrere Minuten, bis mir bewusst wird, dass sich vor mir ein Raum auf tut. Zum Test übertrete ich die Linie auf dem Boden und tatsächlich taucht meine Fußspitze in einen Raum ein. Turrell nennt den Ort, an dem stehe „Viewing Space“ und den perfekt ausgeleuchteten Raum, in den ich blicke „Sensing Space“. Das einzige Material, das die zwei Räume definiert, ist künstlich hergestelltes Licht. Der Künstler schafft auf diese Weise subtile Grenzziehungen und optische Täuschungen, die mich als Betrachterin orientierungslos in der Architektur da stehen lassen. Eingetaucht in eine rosa bis blaue, schummrige Welt aus Neonlicht traue ich meinen Augen kaum. Mir wird klar, dass ich mich immer noch in dem gleichen Raum wie zuvor befinde, aber die Relationen haben sich vollkommen verschoben. Anstatt vor einer imaginierten Wand, stehe ich vor einem unendlichen Raum, dessen Tiefe ich nicht erfassen kann. „Mit den Augen fühlen“ bezeichnet Turell diese geistige und gleichsam sinnliche Erfahrung.

Sirsasana – der Kopfstand. Vor mir liegen fünfzehn Atemzüge und genügend Platz auf dem Boden, falls ich umfalle. Es ist immer wieder ein ungewohntes Gefühl, auf dem Kopf zu stehen, auch wenn ich es schon unzählige Male geübt habe. Mehr und mehr merke ich, wie das Blut aus meinen Fußspitzen Richtung Kopf sackt und die Schwere meines Körpers auf meiner Kopfdecke lagert. Anstatt mein volles Körpergewicht zu tragen, schweben meine Füße wie ein Leichtes in der Luft. Meine Schultern und Arme müssen arbeiten, um aufrecht zu bleiben. Sobald ich meinen Blick schweifen lasse und in den Raum hineinschaue, verliere ich meinen Fokus und ich gerate ins Schwanken. Während ich balanciere und mit der Schwerkraft hadere, stellt sich manchmal der flüchtige Moment ein, in dem die Schwere verschwindet und ich wie von selbst auf dem Kopf stehe. Wenn ich diesen einen Punkt gefunden habe, wird alles leicht und unbeschwert. Während ich tief atme, erfahre ich mich unerschütterlich gelassen. Langsam lasse ich meine Beine Richtung Boden schweben und komme zum Sitzen. Meine Augen sind geschlossen. Ich nehme wahr, wie sich mein Brutkreislauf wieder umstellt. Mein ganzer Oberkörper ist jetzt voller und offener als zuvor, während sich ein befreiendes Gefühl einstellt. Gleichzeitig sinke ich schwer in den Boden und eine angenehme Ruhe breitet sich aus. Ich öffne die Augen und es ist, als wäre ich für einen Moment in einer anderen Welt gewesen.

Abb 3 Iyengar
B.K.S. Iyengar in Eka-Pada-Rajakapotasana. In: B.K.S. Iyengar: Licht auf Yoga. Originalausgabe 1966, London

Im Yoga nehmen wir äußere Formen ein und durchleben sie innerlich. Es gibt unzählige Asanas, so wie es unzählige Erfahrungen gibt. In der Gherandasamhita, eine der bedeutendsten Schriften des Hatha Yoga, hieß es ursprünglich, es gebe 8.400.000 Asanas, entsprechend aller existierenden Lebensformen. [4] Verschiedene Schulen des 20. Jahrhunderts reduzierten diese mystische Zahl auf Hunderte oder weniger. Bedeutend an der Idee bleibt, dass es in der Yogapraxis möglich wird, immer wieder neuartige Haltungen einzunehmen, die ich in meinem Alltag nicht einnehme. So mache ich stets Erfahrungen abseits meiner gewohnten Routine. In den Asanas wechseln Körperspannung, Ausrichtung, Energieflussrichtung, Blutkreislauf und Atemfluss permanent, und auch die gedanklichen und emotionalen Ebenen changieren. Ich atme und bleibe in den Haltungen, anstatt sie einfach nur über mich ergehen zu lassen. Ich analysiere nicht, sondern nehme mich als Ganzes darin wahr. Mit der Zeit beginne ich, tiefer in die Dehnung hineinzugehen, so dass ich Stück für Stück meine Grenzen neu auslote und überschreite. Ich wachse in der Yogapraxis und auch in meinen alltäglichen Herausforderungen über mich hinaus. Auf diese Weise löst sich meine gewohnte Vorstellung darüber, wer ich bin und wie ich mich zur Welt (ver)halte, auf. Wir begreifen die Realität in Form von vorgefertigten Konzepten, die unser Denken und Handeln bestimmen, heißt es schon in der Yoga Sutra des Patañjali.[5] So verlieren wir mehr und mehr die Fähigkeit, die Dinge so zu sehen, wie sie sind.

Während das Potential des Yoga darin liegt, unsere persönliche Sichtweise auf die Realität zu klären, besteht die Wirksamkeit von Kunst darin, mit gesellschaftlichen Konventionen zu brechen. Insbesondere seit dem sich die Kunst von ihrer politischen und religiösen Zweckgebundenheit gelöst hat und in der Moderne autonom geworden ist, hinterfragen Künstler und Künstlerinnen das Gegebene und bringen neue Wirklichkeiten hervor. James Turrell ist weit davon entfernt, auf radikale Weise mit Konventionen zu brechen. Aber er schafft dennoch Situationen, in denen das, was wir als Normal erachten, nicht mehr greift. Wenn er „mit Licht malt“ und aus künstlichem Licht unsichtbare Räume konstruiert, dann erfahre ich mich auf außergewöhnliche Weise. Ich befinde mich in einer täuschend echten Wirklichkeit und bin plötzlich auf all meine Sinne zurückgeworfen, um mich zu Recht zu finden. Ich werde wachgerüttelt, denn meine Wirklichkeit hat Risse erlitten. Unmittelbare und vereinnahmende Erlebnisse wie diese bezeichnet John Dewey als „ästhetische Erfahrungen“.

Aus der Alltagsroutine sticht sie (…) hervor durch eine erinnerungswürdige, lohnende Ganzheit – nicht bloße Erfahrung, sondern ‚eine Erfahrung’ – weil wir uns in ihr am lebendigsten’ und in all unseren menschlichen Fähigkeiten (den sinnliche, emotiven und kognitiven) angesprochen fühlen. [6]

Eine ästhetische Erfahrung sei nicht nur auf die Rezeption oder Produktion von Kunst beschränkt, sondern in allen Lebensbereichen zu finden – so auch in der Yogapraxis. Somästhetische Körperpraktiken wie Hatha Yoga, Meditation, T’ai chi oder Alexander-Technik, die unsere Sinneswahrnehmung schärfen und unsere Aufmerksamkeit verbessern, haben in der postmodernen Gesellschaft stark an Bedeutung zugenommen, da wir ein entfremdetes und viel schwierigeres Verhältnis zu unserem Körper entwickelt haben, als je zuvor. Unser Köperbewusstsein rückt mehr und mehr ins Zentrum des Geschehens, so der Philosoph Richard Shusterman: „In der postmodernen städtischen Kultur ist die Zahl der Gymnastik- und Fitnessstudios beträchtlich gestiegen; sie haben die Kirche und das Museum als privilegierte Orte einer auf die Verbesserung des Selbst gerichteten Lehre weitgehend verdrängt, (…).“ [7] So verwundert es nicht, dass gegenwärtig mehrere Millionen Menschen in Deutschland den Weg ins Yogastudio finden.

Es liegt nahe, dass Kunst Räume für ästhetische Erfahrungen eröffnet und dies schon immer getan hat. Aber dass Yoga ein ebensolcher Ort sein kann, ist weniger offensichtlich und doch ein ganz wesentlicher Berührungspunkt zwischen beiden Systemen. Mögen Yoga und Kunst zwei unterschiedliche Welten bleiben, aber sie haben gemeinsam, dass wir in ihnen ganzheitliche und lebendige Erfahrungen machen, die uns zunehmend in unserem Alltag abhanden gekommen sind.

Diesen Artikel findest Du auch in: ALLES MAGAZIN. Echtzeitschrift für Gesellschaft und Einsamkeit, Issue 1, August 2015.

[1] http://elenabrower.com/elena-brower-yoga-related-videos/moma-pour-your-body-out-by-pipilotti-rist

[2] Vgl. Gannon, Sharon; Life, David (2002): The Art of Yoga, New York: Stewart, Tabori & Chang. S.12

[3] http://www.artyoga.de

[4] Vgl. G.P. Batt, Pancham Sinh (2009): The Forceful Yoga: Being the translation of Hathayoga-Pradipika, Gheranda-Samhita and Siva-Samhita, Delhi: Motilal Banarsidass.

[5] Desikachar, T.K.V, (2011): Über Freiheit und Meditation. Das Yoga Sutra des Patanjali, Petersberg: Verlag Via Nova. Sutra 1.4., S.23. Ursprungstext entstanden ca. 200 v.Chr.-200 n.Chr.

[6] Shusterman, Richard (2005): Leibliche Erfahrung in Kunst und Lebensstil, Berlin: Akademie Verlag. S.29.

[7] a.a.O., S.142.

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